Das Bundeskartellamt hat Amazon in einer aufsehenerregenden Entscheidung aufgefordert, sein Buy-Box-System grundlegend zu überarbeiten. Amazon reagierte öffentlich emotional und bezeichnete die Vorgaben als „beispiellos“ — ein Wort, das selten aus dem PR-Apparat eines Großkonzerns kommt. Für Händler auf Amazon bedeutet diese Entwicklung: Die Buy Box, lange ein intransparentes Black-Box-System, gerät endlich unter öffentlichen Druck. Und das kann Chancen eröffnen.
Was hat das Kartellamt genau beanstandet?
Das Bundeskartellamt hat im Rahmen seiner neuen Befugnisse nach dem Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB, §19a) untersucht, wie Amazon die Buy Box vergibt. Das Ergebnis: Amazon bevorzugt bei der Vergabe systematisch Angebote, die über FBA (Fulfillment by Amazon) abgewickelt werden — also Produkte, die im Amazon-Lager liegen. Händler, die selbst versenden (FBM), haben strukturell schlechtere Chancen auf die Buy Box, selbst wenn ihr Preis und ihre Bewertungen vergleichbar sind.
Das Problem dahinter: Die Buy Box ist für die meisten Händler überlebenswichtig. Rund 80–90 % aller Käufe auf Amazon gehen über die Buy Box. Wer sie nicht besitzt, ist praktisch unsichtbar. Wenn Amazon diesen zentralen Mechanismus so steuert, dass eigene Dienste (FBA) systematisch bevorzugt werden, ist das aus kartellrechtlicher Sicht ein massives Problem — denn Amazon ist gleichzeitig Plattformbetreiber und Wettbewerber der Händler.
Amazon hat auf die Entscheidung mit ungewöhnlich scharfen Worten reagiert und angekündigt, gegen die Auflagen vorzugehen. Gleichzeitig zeigt die Reaktion: Das Unternehmen weiß, dass die Buy Box sein wertvollstes Steuerungsinstrument ist — und will es nicht aus der Hand geben.
Was bedeutet das für Händler, die FBM nutzen?
Wenn das Kartellamt seine Vorgaben durchsetzt, müssen FBM-Händler fairer behandelt werden. Das würde bedeuten, dass Eigenversender bei gleichen oder besseren Konditionen (Preis, Versandzeit, Bewertungsscore) eine realistische Chance auf die Buy Box bekommen — und nicht automatisch benachteiligt werden, weil sie nicht FBA nutzen.
In der Praxis könnte das erhebliche Auswirkungen haben. Viele Händler haben sich aus wirtschaftlichen Gründen bewusst gegen FBA entschieden — zu hohe Lagerkosten, zu wenig Kontrolle über Retouren, saisonale Schwankungen. Bisher haben sie dafür einen unsichtbaren Buy-Box-Malus in Kauf genommen. Wenn dieser Malus wegfällt, ändert sich die Kalkulation grundlegend.
Gleichzeitig sollten FBM-Händler jetzt nicht einfach abwarten. Die kartellrechtlichen Verfahren dauern — es ist realistisch, dass sich an der Buy-Box-Vergabe kurzfristig wenig ändert. Was du tun kannst: Dein Pricing schärfen, deine Versandzeiten optimieren und dafür sorgen, dass dein Seller-Score in einem möglichst guten Zustand ist. Das sind die Faktoren, auf die es ankommt, sobald FBA kein automatischer Bonus mehr ist.
Was ändert sich für FBA-Händler?
FBA-Händler hatten bisher einen strukturellen Vorteil bei der Buy Box. Wenn dieser Vorteil regulatorisch eingeschränkt wird, bedeutet das mehr Wettbewerb — auch von Händlern, die bisher durch das System benachteiligt wurden. Das klingt zunächst nach schlechten Nachrichten, ist aber ein fairer Markt.
Der eigentliche Vorteil von FBA bleibt bestehen: Prime-Versand, schnelle Lieferzeiten und geringerer Aufwand beim Retourenmanagement sind echte Argumente — unabhängig von kartellrechtlichen Entscheidungen. Wer FBA klug nutzt, hat auch bei einem faireren Buy-Box-Algorithmus gute Karten. Wichtig ist, FBA nicht als Buy-Box-Garantie zu begreifen, sondern als Qualitätssignal.
Für Händler, die FBA und FBM parallel nutzen (sogenanntes hybrides Fulfillment), könnte die Entscheidung des Kartellamts besonders interessant werden. Wenn beide Fulfillment-Wege fair bewertet werden, lässt sich das Modell flexibler und kosteneffizienter gestalten — mehr Kontrolle über das Lager, weniger Abhängigkeit von Amazon-Lagerkosten.
Der größere Kontext: Plattformregulierung in Europa
Die Kartellamt-Entscheidung zu Amazon ist kein Einzelfall. In ganz Europa wächst der Druck auf große Plattformen, ihre Marktmacht transparenter und fairer einzusetzen. Der Digital Markets Act (DMA) der EU ist seit 2024 in Kraft und verpflichtet sogenannte „Gatekeeper“ — darunter Amazon — zu mehr Transparenz und fairerem Verhalten gegenüber Drittanbietern.
Das bedeutet: Was das Bundeskartellamt jetzt national anstößt, wird auf EU-Ebene strukturell verankert. Händler können mittelfristig mit mehr Transparenz bei der Buy-Box-Vergabe rechnen — und sollten ihre Strategie entsprechend vorbereiten. Wer seine Seller-Performance ohnehin sauber hält, hat dabei wenig zu befürchten.
Wie du deine gesamte Amazon-Präsenz strategisch aufstellst, haben wir in unserem Beitrag zu Amazon Rufus und der Bedeutung von Listing-Qualität detailliert erklärt. Denn Buy Box und Listing-Optimierung greifen direkt ineinander.
Was solltest du jetzt konkret tun?
Unabhängig davon, wie das Verfahren ausgeht, gibt es Maßnahmen, die sich für jeden Amazon-Händler lohnen:
Buy-Box-Anteil tracken: Nutze Tools wie Helium10 oder die Amazon Seller Central Analytics, um deinen Buy-Box-Anteil zu messen. Wenn er unter 70–80 % liegt, gibt es Optimierungspotenzial.
Pricing kontinuierlich überprüfen: Der Preis ist nach wie vor ein zentraler Buy-Box-Faktor. Repricing-Tools helfen, wettbewerbsfähig zu bleiben, ohne in einen ruinösen Preiskampf zu geraten.
Versandperformance sichern: Für FBM-Händler sind Lieferzeit und Stornierungsrate entscheidende Signale. Halte diese Werte konstant im grünen Bereich.
Account Health im Blick behalten: Eine saubere Account-Health ist die Grundlage für alles — Buy Box, Werbung, Skalierung. Offene Policy-Verstöße sollten sofort adressiert werden.
Wenn du Fragen zu deiner Amazon-Strategie hast oder verstehen möchtest, wie du die Entwicklungen rund um Buy Box und Kartellrecht für dich nutzen kannst, kontaktiere uns — wir begleiten Händler täglich durch genau solche Veränderungen.
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Als Spezialist für Multichannel-E-Commerce begleitet Dennis Händler bei der technischen und strategischen Skalierung ihrer Online-Geschäfte. Sein Fokus liegt auf der nahtlosen Verknüpfung von Warenwirtschaftssystemen wie JTL und Billbee mit führenden Marktplätzen wie Amazon, eBay und OTTO. Dennis kombiniert tiefgreifendes Systemwissen mit praktischer Erfahrung, um komplexe Verkaufsprozesse zu automatisieren und die Sichtbarkeit über alle Kanäle hinweg nachhaltig zu steigern.

